Ich bin ein Himbeertörtchen*

Frankreich als Urlaubsziel – die einen lieben es, andere meiden es wie die Pest. Seit fast 20 Jahren zähle ich zu den Frankreichfans, was zu einem Großteil – neben der fantastischen abwechslungsreichen Landschaft – am französischen Essen und den Einkaufsmöglichkeiten dort liegt.
Ein französisches Dörfchen mag noch so klein und abgelegen liegen, eine Boulangerie und eine Charcuterie oder Boucherie findet sich dort allemal. Neben dem obligatorischen Stangenbrot finden sich in den Auslagen des Dorfbäckers kleine, köstliche Patisserien: Mini-Tartes in allen Variationen, mit Vanille- oder Schoko-Creme, Tartelettes mit Himbeer-, Blaubeer- oder Kirschbelag, Eclairs, buttrige Blätterteigvariationen – alles was das Herz, nicht aber die Hüfte begehrt.

HimbeertarteDie Erinnerung an den Besuch einer dieser verführerischen Back-Oasen in der Provence brachte mich auf den Titel für diesen Blog-Beitrag: Dazu muss man wissen, dass sich meine Französischkenntnisse auf einen dreitägigen Kurs am Institut français beschränken und dem, was ich beim Einkaufen aufschnappe (und mir die halbwüchsige Tochter beizubringen versucht). Das hindert mich allerdings nicht daran, vor Ort mein Konversationsglück immer wieder zu versuchen und eigenständig Dinge zu kaufen, die ich nicht benennen kann. An einem milden Herbstnachmittag irgendwo im französischen Hinterland lachte mich vor Jahren bei einer Motorradtour ein französisches Himbeertörtchen aus dem Schaufenster einer Patisserie an. Ich kratze also meine Sprachkenntnisse zusammen und formuliere im Geist meinen Wunsch nach dem Obstgebäck. So präpariert trage ich voller Inbrunst der brummigen Verkäuferin mein Begehren vor: „Je suis une tarte framboise!“* und ernte schallendes Gelächter des anwesenden Personals und sämtlicher Kunden. Leser mit ähnlich rudimentären Französischkenntnissen sei verraten, dass ich in der Bäckerei lauthals verkündet habe, ich sei ein Himbeertörtchen. Dem Einkaufserfolg hat meine Verwechslung von ‚je suis‘ und ‚je veux‘ jedoch nicht geschadet.

Französische Lebensart fängt beim Einkauf an

Neben den süßen Spezialitäten aus Frankreich gerate ich bei der Vielfalt der französischen Käse ins Schwärmen. Wer einmal deutsche mit französischen Supermärkten verglichen hat, wird bemerkt haben, dass die (oder das?) savoir vivre bereits beim Einkaufen anfängt. Lebensmittel werden hier liebevoll behandelt und präsentiert. Die Obst- und Gemüsestände erhalten schon seit Jahren feuchte, kühle Luft per Vaporisateur – eine Lagerungstechnik, die sich in deutschen Supermärkten langsam durchsetzt. Während man in Frankreich nur in den nächsten Supermarkt fahren muss, um aus einer respektablen Anzahl frischer Käse der unterschiedlichsten Reifegrade auswählen zu können, bedarf es zumindest in Köln einer gezielten Einkauftour. Spontan fallen mir hier einzig drei Geschäfte ein, die eine halbwegs vernünftige Auswahl anbieten. Bei unserem letzten Ausflug nach Frankreich, nach Thonon-les Baines an den Genfer See um genauer zu sein, fühlte ich mich endgültig im Käse-Himmel angekommen. Das Einkaufslokal der Fromagerie Boujon ist winzig, in der Breite misste es maximal drei Meter, aber jeder Quadratzentimeter wird vom Fromage bedeckt. Auf der einen Längsseite tummeln sich Ziegen- und Schafskäse, aus Rohmilch, in Kräutern gewälzt, monatelang gereift oder ganz jung. Diese Milchprodukte stammen von Almen südlich des Genfer Sees und werden niemals eine Ladentheke außerhalb des Departements erreichen. Oftmals gibt es nur einige wenige Laibe Käse pro Saison, die dann allerdings ihren Preis haben: Mit einem zweistelligen Betrag pro 100 Gramm muss man rechnen. An der anderen Wand stapeln sich Raclettekäse, als geräucherte Variante, mit frischem Pfeffer oder Kräutern verfeinert – köstlich. Dieser Käse hat absolut nichts mit der vakumierten Massenware gemein, die hierzulande über die Ladentheke wandert. Der Käse schmilzt cremig und behält diese Konsistenz auch, wenn er auf kühlere Kartoffeln trifft. Bislang war ich es gewohnt, dass sich die geschmolzene Käsemasse schockartig in einen gummiartigen Klumpen verwandelt – nicht bei dieser Savoyer Milchspezialität. Die kundige Madame hinter der Theke zeigt sich äußerst verständnisvoll ob unserer germanischen Begeisterung und ist offensichtlich auf ausländische Käufer eingestellt: Unser Käsevorrat wurde für die Rückreise sicher eingeschweißt!

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer #Blogparade zum Thema Frankreich, den Dr. Katja Flinzner auf ihrem Blog ausgerufen hat. Noch mehr interessante Artikel, die den verschiedensten Betrachtungen französischer Eigenheiten findet Ihr hier!

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag zur Blogparade, bei dem mir wirklich das Wasser im Munde zusammenläuft! Es stimmt, jedesmal, wenn ich in Frankreich bin, freue auch ich mich über all diese Köstlichkeiten – und bin gleichzeitg hüfttechnisch sehr dankbar, dass ich das maximal wenige Wochen im Jahr genießen darf!

    Wahrscheinlich ist das eine der größten Herausforderungen des (!) französischen Savoir-vivre: Essen wie Gott in Frankreich, ohne dabei 30 kg zuzulegen… :-).

    Liebe Grüße
    Katja

    • Liebe Katja, vielen Dank für diese tolle Idee zur Blogparade – ein wenig in Urlaubserinnerungen zu schwelgen, vertreibt doch die trübe Winterstimmung ungemein! Außerdem lese ich ganz fasziniert in den eingereichten Beiträgen über die vielen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen!
      Liebe Grüße Sonja

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